• Leitartikel
  • Stabilität und Ad Astra

Das sapere aude der modernen Leistungselite


Zdenek Machacek | unsplash | Ernste Sache

Sapere aude, das Leitmotiv der Aufklärung
lat. aude – wage es, traue dich;
sapere – verstehen, schmecken, wissen, weise sein.

Der Tunnelblick der Hochleistung bringt nicht selten Egozentrik und Egoismus mit sich. An diesem Tunnelblick auf Dauer festzuhalten, handelt den Leistungsstarken irgendwann den Vorwurf der Mutlosigkeit ein. Soll Hochleistung und Anführen nicht zur Sackgasse oder gar zur Karikatur werden, müssen sich irgendwann Weisheit und Klugheit hinzu gesellen.

In seinem Aufsatz Was bedeutet Aufklärung? definiert Immanuel Kant 1784 den prägenden Begriff seiner Zeit: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen.“

Der Gedanke der Aufklärung ist in unserer Gesellschaft längst angekommen. Systeme, wie der Rechtsstaat, die Demokratie, die Meinungsfreiheit, die Wissenschaft, das Bildungssystem haben eine enorme Reife erlangt. Eine Reife, mit der Schritt zu halten, sich die Individuen der Moderne sehr anstrengen müssen. Die Ermahnung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, nach Weisheit und Klugheit zu streben, bleibt zeitlos und dringend. Am meisten für die Menschen, die durch ihre Exponiertheit großen Einfluß auf andere Menschen haben und in vielen Belangen den Ton angeben.

Hochleistung, große Verantwortung und Anführen heißt immer Tunnelblick und extremer Fokus. Es ist unvermeidlich auszublenden, sich auf das Nötigste zu reduzieren und zuweilen die Wahrheit und die Objektivität stark zu strapazieren. Es müssen viele Dinge liegen bleiben, die zwar wichtig, aber eben nicht dringend sind. Nur so hält sich die Energie und der Fokus Außergewöhnliches zu leisten.

In den ersten Phasen des Schaffens gehen Subjektivismus, Selbstbezogenheit, Echokammern und Blasen auch locker durch. Ab einer gewissen Stufe der Hochleistung und vor allem ab einem bestimmten Alter, gibt es keinen Freibrief mehr. Eine Weitung des Blickes und des Denkens wird unumgänglich, um die Hebelwirkung des eigenen Handelns zu erhalten und um den Respekt nicht zu verlieren. Irgendwann wird zu Weisheit und Klugheit zur Pflicht.

Was aber ist weise und klug? Weisheit und Klugheit ist einerseits das Gegenteil der Angewohnheit, immer wieder dasselbe zu tun oder zu denken und dabei zu erwarten, dass unerwünschte Folgen des Handelns und Denkens von alleine verschwinden. Also die Weigerung, die eigenen Haltungen und Handlungsmuster zu überdenken und zu verändern. Weisheit und Klugheit ist andererseits das Gegenteil von Egoismus, Egozentrik und Rücksichtslosigkeit. Also das absichtliche Missachten der eigenen Bedürfnisse, der Bedürfnisse anderer Menschen sowie der Notwendigkeit, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu erhalten.
Die Menschen, die das Schicksal mit Talent und den Anlagen der Klugheit bedacht hat, haben die Verpflichtung zum Mut, ihre Haltungen und Fähigkeiten immer weiterzuentwickeln und zu vervollkommnen und sie in den Dienst der Welt zu stellen.

Es existieren eine Vielzahl an Wegen, diese Weiterentwicklung aktiv zu forcieren, zu organisieren, um sie nicht dem Zufall zu überlassen. Der Weg einer Kampfkunst bietet einen Rahmen an, die Formen der Auseinandersetzung zu üben und hält die Lektionen bereit, Frieden zu schließen: mit sich, mit den anderen Menschen und mit der Natur.
Nichts ist einfach, aber das Glück liegt eben oft da, wo es unbequem wird.


Vertiefen

Nachhaltigkeit braucht Kampfgeist | Mathias Raths | Magazin Karatewerkstatt | zum Artikel
Den Zerstörern kampflos das Feld überlassen? Nachhaltigkeit ist eine Entscheidung.

Toleranz – der falsche Weg | Heidi Kastner, Pascal Fischer | Deutschlandfunk | zum Podcast
Toleranz – der falsche Weg: über den Megatrend Dummheit. Die Psychiaterin Heidi Kastner und Pascal Fischer erörtern das Thema im Rahmen der Sendereihe Essay und Diskurs

© Mathias Raths

Arrow right icon