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Üben und alles wird gut? Fünf Bedingungen.


Kirstin Snippe | unsplash | Diesen Weg zu lieben bekommt man hin

Alles eine Sache der Übung? Übung macht die Meisterin? Fast. Üben ist zwar eine notwendige aber nicht automatisch eine hinreichende Bedingung für das Können – und schon gar nicht für großes Können.

Was soll das heißen? Ohne Übung wird sich so etwas wie Meisterschaft nicht entwickeln, so viel ist klar. Damit sich tatsächlich großen Können entwickelt, die Meisterschaft also eine zwangsläufige Folge des Übens ist, ist die Qualität des Übens entscheidend. Ich sehe fünf Bedingungen:


Inhalt

  • Sich Einlassen
  • Den Prozess lieben
  • Ruhe
  • Den Stolz über Bord werfen
  • Scheitern und verlieren mögen

Sich Einlassen

Ich muss mich voll auf die Sache einlassen, also üben jenseits der Oberfläche, jenseits des symbolischen Agierens oder Konsumierens, das nur auf Scheineffekte oder auf Statusgewinn ausgelegt ist. Ein wenig herumschrauben oder abwickeln wird nichts Großes hervorbringen. Nur wenn ich investiere, werde ich profitieren und mehr bekommen, als ich reingesteckt habe.


Den Prozess lieben

Ich muss den Weg zu den Ergebnissen lieben. Nur die Ergebnisse zu lieben reicht nicht, den Weg zu lieben ist entscheidend. Wer gut in etwas sein will, muss es leben, wer es leben will, muss es lieben. Viel Zeit auf etwas zu verwenden, wovon man nur die letzten drei Prozent mag, widerspricht dem Sinn des Lebens. Sich zum Beispiel immer durch ein Training zu quälen, nur weil das Gefühl danach so schön ist und man es wieder hinter sich hat, ist eine zweifelhafte Haltung.


Ruhe

Ich muss den Weg in Ruhe gehen. Das heißt nicht, dass alles nur langsam und mit viel Gspüri-Fühli ablaufen soll. Druckresistenz und Robustheit kommt nicht von Zeitlupe und Watte. Ruhe meint, bei mir zu bleiben. Ein paar wenige Prozent Posing und Show gehen schon durch, aber ständiger Vergleich und Ehrgeiz lenken mich nur von echtem Lernen oder echter Entwicklung ab.


Den Stolz über Bord werfen

Ich muss den Stolz überwinden. Stolz ist Zufriedenheit mit mir selbst. Und schnell wird daraus Selbstüberschätzung und Hochmut. Der Stolz ist ein Schutzmechanismus, um mich nicht so klein und unsicher zu fühlen.
Stolz sieht im Spiegel immer gut aus, ist aber zum Üben nicht zu gebrauchen. Stolz ist das Gefühl, dass ich ja schon alles kann. Er verleitet mich dazu, dem Glauben an meine Großartigkeit immer neue Nahrung geben zu müssen. Stolz kann mich durchaus zu großen Anstrengungen bewegen, verführt mich aber oft zum missionieren, zum belehren, zum andere gering schätzen. Stolz kostet mich viel Energie, ich muss ja immer gut dastehen, gut aussehen, darf mir keine Blöße geben. Wenn mein Stolz dann die Konstruktion einer Zitadelle angenommen hat, gibt es endgültig kein Durchkommen mehr. Mein verletzter Kern, baut sich einen inneren Befestigungsring aus Stolz und einem zweiten Befestigungsring. Die zur Schau getragene und stets beteuerte Demut. Die Demut, mein größter Stolz – eine uneinnehmbare Festung.


Scheitern und verlieren mögen

Ich muss die Niederlage akzeptieren, um aus ihr zu lernen. Die Niederlage ist nicht das Zeichen meiner Wertlosigkeit, sie ist nur Feedback. Große Aufgaben führen immer durch das Feld des ständigen Scheiterns und der Fehler, aus denen ich immer und immer wieder lernen muss. Nur so entsteht Können. Ohne Fehler, kein Fortschritt. Kontrollbedürfnis und Perfektionismus können mich weit tragen, auf dem Weg zu echten Können stelle ich mir damit eher selbst ein Bein. Der Zwang nach Kontrolle und Perfektion stimmt mich unversöhnlich gegenüber meinen Fehlern und Niederlagen. So wird das lebenslange Lernen zur Tortur.

Wenn das Üben diese Bedingungen erfüllt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Zufriedenheit und Freude an den Ergebnissen einstellt. Mit reiner Ergebnisorientierung, das einzige was zählt ist das Ergebnis, kann man extrem viel erreichen, aber es wird sich nie die Ruhe des Gleichgewichts einstellen, sondern nur Selbstherrlichkeit und die Gier nach mehr.


Diese fünf Bedingungen umzusetzen ist ein hoher Anspruch. Aber letztlich ist es auch das nur eine Übung, irgendwann eine Gewohnheit, irgendwann eine Haltung.
Alle Kunstformen und praktischen Künste machen dieses meisterliche Üben selbst zum Gegenstand des Übens, zum festen Bestandteil des Wegs. Daher die Fallhöhe, aber auch der Lohn. Sei es in der Kunst des Musizierens oder der Bildhauerei, in der Kunst des Verhandelns, in der Kunst der Konfliktbewältigung, in der Kunst einer Excel-Tabelle, in der Kunst der Herstellung von Apfelstrudeln, in der Kunst des Mitarbeitergesprächs oder in der Kunst des Karate …


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Philharmonie und Randori | Mathias Raths | Magazin Karatewerkstatt | zum Artikel
Der Olymp der Kampfkunst ist nicht der Kampf. Die Paradoxie der Aufrüstung. Das Chaos nehmen. Erdungsfaktor realistische Selbstverteidigung.

© Mathias Raths

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